Stern-Bericht zum Kanzlerduell

Veröffentlicht am 12.09.2013 in Wahlen

Alles schon entschieden ???
Peer Steinbrück ist tatkräftig und entscheidungsfreudig, kein Merkelsches Herumlavieren und Aussitzen.
Lesen Sie selbst den nachfolgenden STERN-Artikel!

SPD-Kanzlerkandidat in der "Wahlarena"
Peer, die "coole Sau"
11. September 2013, 23:15 Uhr

SPD-Chef Sigmar Gabriel hatte Kanzlerkandidat Peer Steinbrück nach dem TV-Duell mit Angela Merkel als "coole Sau" gelobt. Die gab Steinbrück auch in der ARD-"Wahlarena". Von Hans Peter Schütz
Wer war der Sieger? Ganz klar: Peer Steinbrück. "Bei mir rockt es", sagt er neuerdings, und das war auch bei seinem Auftritt in der ARD-"Wahlarena" in Mönchengladbach am Mittwochabend beim Dialog mit Bürgern zu sehen.
Es war der selbe Ort, an dem sich die Kanzlerin 48 Stunden zuvor durch die Antwort auf die Frage gestammelt hatte, ob man gleichgeschlechtlichen Paaren die gleichberechtigte Adoption von Kindern erlauben sollte. Steinbrück sprach selbstsicher Klartext - zu allen Fragen, die ihm gestellt wurden. Auch dann, als er bei einer Frage nach der künftigen Schulpolitik einräumen musste, dass er selbst als Schüler zweimal sitzen geblieben war. "Man darf kein Kind zurück lassen", sagte er. "In der Schule muss man jedem Kind eine zweite Chance geben." Dann könne es eines Tages sogar Kanzler werden.
Keine Spur von einem Kanzlerkandidaten, der nur noch auf eine Große Koalition hoffen kann, in der er nichts mehr zu sagen hätte und in der alles ohne ihn laufen würde. Da trat ein selbstbewusster Kanzlerkandidat auf, nicht der Vertreter einer erschöpften Partei, die 150 Jahre nach ihrer Gründung vom Burn-out-Syndrom befallen ist. Es präsentierte sich: der selbstbewusste Herausforderer der Kanzlerin Angela Merkel. Es trat auf: der Mann, den selbst ein Helmut Schmidt für wählbar ins Kanzleramt empfohlen hatte.
Wachsen im Wahlkampf
Es war nicht zu beobachten: ein Mann, den viele schon hart an seiner eigenen Schrumpfung arbeiten sahen. Man sah vielmehr einen Politiker, der erkannt hat, wie er doch noch gegen Merkel aufholen kann - eine Kanzlerin, die aus seiner Sicht eine geistige und politische Führung verweigert und Politik nur noch moderiert.
Es gab nichts Neues zu hören in dem Gespräch des SPD-Kanzlerkandidaten mit den Bürgern. Er legte sich noch einmal fest: keine Rot-Rot-Grüne-Koalition und auch keine Tolerierung eines derartigen Bündnisses. Er ging auf deutliche Distanz zur Großen Koalition. "Wer sollte denn im Fahrersitz einer solchen Koalition sitzen", hielt er dem Fragesteller entgegen. Und allen war klar, dass er nur an sich selbst dabei dachte.
Die Frage, die sich hinterher viele im Publikum gestellt haben dürften: Wäre dieser Steinbrück letztlich nicht die bessere Kanzlerin oder wäre er nur der bessere Kanzler, wie es das notorische politische FDP-Lockermaul Wolfgang Kubicki es einmal formuliert hat? An der eigenen politischen Schrumpfung hat Peer Steinbrück an diesem Bürgertest jedenfalls nicht gearbeitet. Er könnte einige Bürger daran erinnert haben, dass schon einmal mehr als 45 Prozent der Deutschen einen "Sozen" wie Willy Brandt für kanzlerfähig gehalten haben.
Auf jede Frage gab er klare Antworten: die oberen fünf Prozent der Einkommensverdiener müssten fünf Prozent mehr Steuern bei einem Kanzler Steinbrück zahlen. Er würde die Stromsteuer senken, um die Haushalte zu entlasten. Befristete Arbeitsverhältnisse würde er abbauen. Die per Umlage finanzierte Rente müsse bleiben, das Pflegesystem benötige mehr Pfleger, die für ihre Ausbildung nicht selbst zur Kasse gebeten werden dürften. In der Gesundheitspolitik will er die enormen Haftpflichtversicherungen für Hebammen beseitigen. Und einen bekennenden Nichtwähler ging er harsch mit dem Satz an: "Sie haben auch eine Wahlpflicht!" Und wer einen flächendeckenden Mindestlohn wünsche, der "müsse SPD wählen".
Peer, die ältere Fachkraft
Wolle er wirklich Kanzler werden, wurde Steinbrück gefragt. Seine lockere Antwort: "Ich fühle mich mit meinen 66 Jahren tatkräftig". Er sehe diese Frage unter dem Gesichtspunkt, der für den deutschen Arbeitsmarkt insgesamt gelte: "Die älteren Fachleute müssen wir im Job behalten."
Steinbrück hat seinen Stil als Kanzlerkandidat gefunden. Das TV-Duell mit Merkel hat ihn wirklich zu der "coolen Sau" gemacht, als die ihn der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel nach der direkten Auseinandersetzung mit der Kanzlerin bezeichnet hatte. Einige wenige Punkte nur hat er bei den Beliebtheitswerten aufgeholt. Das reicht noch nicht zum Wahlsieg. Aber er hat im Selbstbewusstsein zu Merkel massiv aufgeschlossen. Jene unentschlossenen, ehemaligen SPD-Wähler, die Merkel bisher ganz akzeptabel fanden, müssen jetzt noch einmal über einen Kanzler Steinbrück nachdenken. Denn der hat jetzt seinen Stil gefunden.

http://www.stern.de/politik/deutschland/spd-kanzlerkandidat-in-der-wahlarena-peer-die-coole-sau-2057122.html

 

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